Haare und Gesellschaft

Als kleines Mädchen litt ich oft unter meinen Haaren. Ich wuchs in einem Dorf auf dem Lande auf und war so ziemlich die Einzige mit Afrohaaren. Natürlich wollte ich auch so aussehen wie die anderen Mädchen um mich herum. Es war für mich und auch für meine Mutter immer einen Frust, meine Haare zu bändigen. Der Traum von langen Haaren erfüllte sich nie. Dauernd fasste jemand in meine Mähne. Ich hatte immer das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Wenn ich heute die Mixed-Kids sehe bin ich erleichtert zu sehen, dass sich das Selbstbewusstsein geändert hat. Viele Mädchen tragen ihre krausen Haare mit Stolz. Ich beobachte dies sogar bei kleinen Mädchen, nicht nur bei Teens. Da ich nicht ständig meine Haare bändigen wollte und sie ohnehin dauern verfilzten, liess ich sie einfach wachsen und kämmte sie nicht mehr. Ein bisschen nachgeholfen habe ich schon, damit sie zu regelmässigen Dreads heranwachsen konnten. Von da an hatte ich kaum mehr Arbeit mit meinen Haaren. Jedoch bleibt das Gefühl bis heute bestehen ,dass meine Haare mich bis heute definieren, welche Rolle ich in der Gesellschaft habe. Ich frage mich oft, würde ich anders wahrgenommen, hätte ich keine Dreads? Wie sehr beeinflussen sie mich, wie ich mich selbst wahrnehme? Kein Zweifel, die Gesellschaft ist für uns wichtig. Wir brauchen sie ,um uns selbst wahrzunehmen und unseren Platz darin zu finden. Was wir alle wollen ist zu gefallen und angenommen zu werden. Als Minderheit inmitten einer Gesellschaft, welche haupstächlich auf glattes, europäisches Haar ausgerichtet ist, fällt dies manchmal nicht so leicht. Ob man eine „aussergewöhnliche“ Frisur trägt, gekrauste Haare hat oder einfach Haare hat, die einen präsenten Stellenwert im eigenen Leben einnehmen ( z.B. Haarverlust oder wenig Haare, frühes Ergrauen der Haare, sehr trockenes oder sehr fettiges Haar…die Liste ist lang), kann eine starke Auswirkung auf die Psyche haben und unser Leben beeinflussen. Ich finde, es ist wichtig dass man sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Die meisten Menschen haben gar keine Beziehung zu ihren Haaren. Sie versuchen krampfhaft einem Bild zu entsprechen und sind frustriert, dass ihre Haare dies nicht mitmachen. Es ist auch nicht einfach in Zeiten von Instagram und Co. sich und seine Haarpracht voll anzunehmen. Man scrollt an unzähligen perfekten Bilder runter und orientriert sich an anderen. Da ist der nächste Frust eigentlich schon vorprogrammiert. Wenn man zu den Menschen gehört ,dessen Haare einen grossen Teil im täglichen Leben einnehmen, braucht es Zeit um den für sich besten Weg zu finden, das volle Potential der eigenen Haarpracht zu entfalten. Der erste Schritt ist aber, dass man sich einmal mit sich selbst beschäftigt. Was brauchen meine Haare damit sie gesund sind? Was fühle ich und wie gehts mir? Welche Rolle glaube ich in der Gesellschaft zu haben? Und ist es wichtig für mich? Wie könnte ich eine Inspiration für die Gesellschaft sein? Plötzlich merkst du vielleicht, dass die Gesellschaft gar nicht so wichtig ist, wie du dich mit deinen Haaren fühlst, sondern dass deine Haare genau zu dir passen . Ich persönlich mag meine Haare auch nicht immer. Aber meistens liebe ich sie. Manchmal stelle ich mich mit meinen Naturkrausen vor, und im nächsten Moment bin ich wieder so froh, dass ich meine Dreads habe. Sie begleiten mich schon so lange und es wäre quasi eine Scheidung von ihnen, wenn ich sie abschneiden würde. Einen Verlust, den es noch nicht Wert ist zu erleben. Wir sind sozusagen ein altes Ehepaar (haha). Ich habe festgestellt, dass es oft unsere eigenen Gedanken sind, welche uns Beeinflussen, wie wir zu unseren Haaren stehen. Man kann sich Jahrelang mit seinen Haaren identifizieren ( ob positiv oder negativ), bis man irgendwann feststellt, dass man es selbst ist, der oder die sich im Weg steht sich anzunehmen oder Veränderung zuzulassen. Manchmal hat man Angst etwas zu verändern weil man zu stark nach Aussen orientiert ist. Wie könnte mein Umfeld reagieren? Werde ich abgelehnt werden, wenn ich zu meinem neuen Ich stehe? Passe ich dann noch in das Bild der Gesellschaft? Es gibt so viele Zweifel die einem im eigenen Schneckenhaus zurückhalten, auch wenn man eigentlich ahnt, was am Besten für einem ist. ( Dies kann man auch auf andere Lebensbereiche beziehen). Wenn man aber den Mut aufbringt Veränderung zuzulassen,stellt man fest, dass man umsonst Angst hatte. Im Gegenteil. Meistens wird man belohnt. Bestimmt zeigt sich unsere Gesellschaft insgesamt offener und toleranter in der heutigen Zeit, den Haarminderheiten gegenüber. Trotzdem bleibt ein subtiler Nachgeschmack. Am Schluss zählt nur, welche Bedeutung ich selbst dem „Ideal“ gebe. Ich glaube deshalb liebe ich „meinen“ Beruf so sehr ( Nicht den Frisörberuf im Allgemeinen, sondern den Weg, den ich eingeschlagen habe),weil es mein Wunsch ist ,meine Kundinnen und Kunden mit ihren Haaren glücklich zu sehen. Welche Erfahrungen hast du gemacht? Was sind deine Haarthemen? Ich freue mich über Nachrichten zu diesem Thema 🙂

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