Die Kinder dazwischen

Ein sanfter Wind kitzelt meine Wangen. Ein paar Meter entfernt telefoniert eine Frau auf Italienisch. Jemand aus der Nachbarschaft hat das Fenster geöffnet und hört eine Radiosendung. Ich sitze auf dem Balkon und lächle die Pflanzen an, die mich umgeben. Der Feigenbaum ist schon so gewachsen, dass er sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen kann. Ich bin dankbar und fühle mich wohl in meinen eigenen vier Wänden, hier in meinem kleinen Dschungel. Es sind diese stillen, aber doch geräuschvollen Momente, die mich erden. Gleichzeitig sind es diese Augenblicke, die mich nachdenklich stimmen und die großen Fragen an mich und mein Leben richten. Dann, wenn ich einen kleinen Moment im Hier und Jetzt ankomme, tauchen sie auf:

Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Wohin gehöre ich?

Im Grunde bin ich ziemlich müde, mir diese Fragen immer wieder zu stellen. Tue ich schon nichts anderes mein ganzes Leben lang. Früher glaubte ich noch, ich würde die Antwort irgendwann finden. Ich dachte, ich würde mir nur einbilden, mich nie wirklich daheim zu fühlen. Mit allen Mitteln versuchte ich immer wieder dieses Gefühl loszuwerden, fehl am Platz zu sein. Es ist nicht mehr so wie früher, damals, als Kind, als ich noch herausstach mit meinen Haaren, die sich in den Händen wie Wolle anfühlten. Nein, ganz bestimmt ist es heute nicht mehr so, wenn um mich herum Frauen mit Kopftüchern ihre Kinderwagen herumschieben, oder ich Sonntags im türkischen Laden das Frühstück hole. Es ist bunt um mich herum, alles darf sein, nichts muss. So suggeriert es mir das Internet und die Regenbogenflagge an der Hausmauer nebenan.

Eine trügerische Fassade

Trotz der menschlichen Diversität verblasst meine Sehnsucht nach einem Heimatgefühl nicht. Die vermeintliche Vielfalt scheint mich zu täuschen. Hinter ihrem schönen Äußeren verbirgt sich eine düstere Realität. Die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Die Welt zögert noch, ihre Arme für alle auszubreiten. Sie ist immer noch im Ungleichgewicht. Für die einen ist es leicht einen gut bezahlten Job zu finden, die anderen scheitern an ihrer Herkunft oder ihrer Persönlichkeit daran. Die Furcht vor dem Unbekannten verkleidet sich in subtilem Rassismus. Nicht jedem wird den gleichen Wert beigemessen.

Und ich befinde mich dazwischen, aus Gegensätzen geformt. Irgendwo in der wachsenden Kluft finde ich mich wieder, klammere mich an den scharfen Rändern fest. Vielleicht ist es gerade diese Grauzone, die mich heimatlos fühlen lässt. Einige meiner Vorfahren waren unterdrückt, während andere im Spiel des Lebens dominierten. Ein fortwährender Konflikt, der in meinem Inneren widerhallt. Ein Kind aus Öl und Wasser.

In mir lebt ein Widerspruch, der mich ständig meine Rolle in dieser Gesellschaft hinterfragen lässt. Ich trage nicht die Erfahrungen jener in mir, die ihre Heimatländer verlassen mussten, um in der Schweiz ein besseres Leben zu finden. Geboren und aufgewachsen hier, beherrsche ich die Sprache und kenne die kulturellen Normen. Dennoch verberge ich einen Teil meiner Identität, der seine Wurzeln in einem anderen Land hat, aus Angst, von der Gesellschaft nicht vollständig akzeptiert zu werden. Ich könnte der Gesellschaft die Schuld geben, aber was ist die Gesellschaft? Sie setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen, die eine gemeinsame Geschichte teilen und sich in ihrer Kultur wiederfinden, besonders wenn sie sich von anderen Gruppen ausgeschlossen oder bedroht fühlen. Dann gibt es uns, die Gemischten, die weder weiß noch schwarz sind, aber auch diejenigen zweiter Generation, deren Eltern einst Migranten waren. Wir beobachten, verstehen beide Perspektiven und erkennen die Fehler auf beiden Seiten. Ständig sind wir auf der Suche nach unserem Platz, nur um zu erkennen, dass es diesen Platz vielleicht gar nicht gibt.

Nur hier, zu Hause, wo Stille und Geräusche aufeinandertreffen, bin ich wirklich ich. Hier habe ich mir meinen eigenen Ort aus den Puzzleteilen der Gegensätze erschaffen. Hier vermischen sich Öl und Wasser, als wäre kein Emulgator nötig. An diesem Ort wird mir bewusst, dass wir, die Kinder dazwischen, das Ergebnis eines Versuchs sind, die Welt zu vereinen. Solange es der Weltbevölkerung jedoch nicht gelingt, einander die Hände zu reichen, werden wir, die Kinder dazwischen, stets nach unserem Platz suchen.

Glücklichsein in harten Zeiten

Wie geht das Glücklichsein? Und was ist Glück? Kann man in der schwierigsten Zeit seines Lebens Glück empfinden?

Die schwierigste Zeit im Leben ist individuell. Für die einen bedeutet es, unter erschwerten Bedingungen zu leben, während es für andere eine Jobabsage ist. Manche erleben den Verlust eines geliebten Menschen, andere eine schockierende Diagnose. Auch ich habe schon einige Male schwierige Momente durchlebt, in denen ich dachte: ‘Jetzt geht es nicht mehr weiter.’ Wohl niemand erlebt nur gute Zeiten. Doch habe ich damals Glück empfunden? Und empfinde ich es jetzt auch, wenn ich mal wieder durch meinen Instagram-Feed scrolle und die unsagbar schrecklichen Bilder von Kindern in Kriegsgebieten sehe, die ihre Gliedmaßen verloren haben? Oder wenn sich meine finanziellen Ressourcen wieder einmal verdünnt haben? Oder wenn ich mich durch den Alltag kämpfe, schwindelig von schlaflosen Nächten, in denen mir als Mutter die Sorgen das Gehirn vernebeln?

Ja, ich kann selbst in harten Zeiten Glück empfinden. Dazu habe ich eine persönliche Formel, die ich gerne mit dir teilen möchte. Natürlich kann ich nicht versprechen, dass sie auch für dich funktioniert, aber ein Versuch ist es wert.

Verbinde dich mit der Welt

Schon als Kind habe ich gelernt, mich mit dem Schicksal anderer Menschen zu befassen – eine Lektion, für die ich dankbar bin. In unserer heutigen Zeit ist Selfcare zu einem Modebegriff geworden, vergleichbar mit dem täglichen Zähneputzen. Ich schätze diese Entwicklung, finde aber, dass Selfcare und Egoismus nicht verwechselt werden sollten. Laut einer Harvard-Studie (Quelle: ‘Was macht glücklich? Harvard-Forscher veröffentlichen neue Studie’ auf FOCUS Online) sind soziale Kontakte entscheidend für unser Glücksempfinden. Ich möchte aber weitergehen und behaupte , dass nicht nur die Kontakte im unmittelbaren Umfeld wertvoll sind, sondern auch jene darüber hinaus.

Das Geben und Nehmen in zwischenmenschlichen Beziehungen trägt zur Sinnhaftigkeit des Lebens bei. Besonders stark empfinde ich dies, wenn ich anderen etwas geben kann, das ihnen fehlt. Zum Beispiel: In Phasen meines Lebens, in denen ich nicht weiss, wie es weitergehen soll, scheint sich die Welt ohne mich weiterzudrehen. Ich brauche die Zeit, mich in mein Schneckenloch zurückzuziehen, keine Frage. Doch dann beginne ich, mich mit dem Leid anderer Menschen zu beschäftigen. In Büchern, Filmen und den Geschichten von Menschen aus Ländern mit geringerer Lebensqualität als hierzulande erfahre ich, wie stark sie sind. Diese Erkenntnis schärft mein Bewusstsein für meine eigene Resilienz.

Als privilegierte Schweizerin versuche ich, meine Position zu nutzen, um auf das Leid anderer aufmerksam zu machen oder etwas zu geben, das jemand anderes nicht hat – sei es ein offenes Ohr oder eine helfende Hand. Dadurch fühle ich mich als Teil des Ganzen und empfinde Glücksgefühle. Ein weiteres Beispiel: Als alleinerziehende Mutter mit begrenzten finanziellen Ressourcen und gesundheitlichen Herausforderungen neige ich dazu, mich mit besser gestellten Menschen zu vergleichen. Doch wenn ich mich mit Gleichgesinnten verbinde, wird das geteilte Leid halbiert. Gemeinsam können wir uns über die kleinen Hindernisse im Leben amüsieren und das Gewicht des Alltags leichter tragen.

Fazit: Suche den Kontakt zu sozial schwächer Gestellten – oft zeigen sie dir deine eigenen Privilegien noch deutlicher auf und verfestigen deine innere Stärke. Wenn du dich über deine eigene Bubble hinaus verbindest, gewinnt dein Leben an Sinnhaftigkeit und Glücksgefühle werden gefördert. Triff mehr Menschen, die ähnliche Probleme haben, und erlebt gemeinsam, wie Schwierigkeiten leichter zu bewältigen sind.

Lasse Kunst in dein Leben

Angenommen, du hattest eine wirklich deprimierende Woche. Deine Kinder waren schlecht gelaunt oder haben schlimme Dinge erlebt, die dir Bauchschmerzen bereiten. Kein Wunder, dass du schlaflose Nächte hast und dich irgendwie durch den Alltag kämpfst. Aber es gibt etwas, das tiefe Glücksgefühle auslösen kann: Kunst.

Jetzt denkst du vielleicht, Kunst interessiert dich nicht. Doch ich verrate dir etwas: Kunst ist alles, was erschaffen wird – ein Zusammenspiel von Wissen, Tätigkeit, Vorstellung und Intuition. Für mich beschreibt dieser Begriff das Leben selbst. Sogar um zehn Uhr abends kannst du künstlerisch sein und dir ein paar Schmetterlinge herbeizaubern. Du musst nicht gleich Picasso werden. Ich empfinde es schon als künstlerisch, ein paar Kerzen hübsch nebeneinander zu platzieren und im warmen Licht ihrer Flamme Trost zu finden. Klingt komisch? Mag sein. Aber du glaubst nicht, wie sehr es in mir Glücksgefühle auslöst, wenn ich etwas gestaltet habe – sei es nur einen Blumenstrauß in einer hübschen Vase ästhetisch im Wohnzimmer oder einen Kuchen, den ich vielleicht noch mit leckeren Beeren dekoriere.

Kunst ist auch, wenn du Musik machst oder Musik hörst, die dir schöne Gefühle bereitet. Sie wurde aus dem Herzen erschaffen von jemandem, der dein Herz damit erreichen möchte. Fazit: Kunst entsteht aus der Tiefe, berührt die Seele und das Herz – und trägt definitiv zu mehr Glücksgefühlen bei, selbst in harten Zeiten.

Kaufe dir eine Pflanze, oder gehe in den Wald

Nahezu aus jeder Ecke meiner Wohnung leuchtet es grün und saftig. Es fehlen nur noch Tukane und Schmetterlinge, dann könnte meine Wohnung – wenn meine Pflanzensucht so weitergeht – dem Papiliorama bald Konkurrenz machen. Das sieht nicht nur hübsch aus, sondern nährt auch meine Seele, wenn mich zu Hause Monstera, Glücksfeder und Efeutute umarmen. An Tagen, an denen die Sonne nicht scheint, gehe ich durch den Raum und füttere meine grünen Mitbewohner. Hier und da streckt ein hellgrünes Babyblatt sein Köpfchen aus dem Topf – neues Leben wurde geboren. Ich kann nicht leugnen, dass das ein Glücksgefühl hervorruft.

Auf www.botanicly.com findest du mehr Inhalte über Pflanzen und ihre stressreduzierende Wirkung auf Menschen. In einer japanischen Studie wurde festgestellt, dass Student*innen entspannter arbeiten konnten, wenn Pflanzen im Raum vorhanden waren. Und wenn du keinen grünen Daumen hast, ist das kein Problem – der Wald hilft auch. Im Wald begegnest du auf heilsame Weise dem Leben, das mit aller Ruhe dem Zyklus der Natur folgt. Alte Blätter werden abgestoßen, während neue sprießen. Der ewige Kreislauf des Lebens spiegelt sich in diesem friedlichen Raum wider. Du wirst daran erinnert, dass auch dein Leben einem Zyklus folgt, zu dem sowohl Verabschiedung als auch Neugeburt gehören. Der Wald schaltet unseren Geist auf Empfang für das Sanfte in ihm und lässt ihn zur Ruhe kommen.

Fazit: Pflanzen aller Art beruhigen unseren Geist und nähren die Seele. Wenn das Leben hart zu uns ist, können Pflanzen Wegweiser sein, um uns des ewigen Kreislaufs bewusst zu werden. Sie verbinden uns mit der Natur und verleihen uns das Gefühl von Boden unter den Füßen.

„Lies Bücher und schaue gute Filme“

Bücher sind die besten Fluchtmittel, um dem schwierigen Alltag zu entkommen. Guten Filmen messe ich ähnliche Wirkung bei (das Eintauchen in Bücher wirkt, zumindest auf mich, jedoch intensiver). Geschichten entführen uns in fremde Welten und lassen unsere Gedanken zur Ruhe kommen. Sie erzeugen Bilder im Kopf, die dem Unterbewusstsein eine Realität aufzeigen. Wenn diese Bilder angenehm sind und Trost spenden, unterscheidet das Unterbewusstsein nicht zwischen echt und unecht. Die Wirkung auf Körper und Seele ist tatsächlich dieselbe.

In schwierigen Momenten entscheidet meine Intuition darüber, was ich konsumieren möchte. Meistens sind es keine Komödien, sondern berührende Geschichten. Mir hilft es dem Prozess zu folgen, der die Protagonistin oder der Protagonist durchlebt. Ich fühle mich dadurch getragen, gewinne Erkenntnisse für mein Leben und freue mich über kleine Erfolge der Figuren.

Fazit: Bücher und Filme ermöglichen uns, in andere Realitäten zu reisen und dort vielleicht ein Glücksgefühl zu finden. Und wenn es nicht Glück ist, dann zumindest ein bisschen Trost in den harten Tagen.


“Unternimm eine kleine Reise zurück in die Kindheit”

Wenn ich die weniger schönen Zeiten meiner Kindheit ausblende, erinnere ich mich an glückerfüllte Momente. Kürzlich sah ich auf meinem Instagram-Feed eine Zusammenfassung der Besitztümer von Kindern aus den 90er Jahren. Beim Betrachten der alten Diddl-Maus-Sammlung einer unbekannten Person schwelgte ich für einen Augenblick in den Erinnerungen meines neunjährigen Ichs. Ein seltsam vertrautes Glücksgefühl, dessen Existenz mir zuvor nicht bewusst war. Ich habe zwar keine Diddl-Maus-Papierbögen besorgt im Anschluss, aber ich verweile gerne in dieser inneren Faszination der Diddl-Maus-Zeit (warum Diddl? Ist mir ein Rätsel …). Das Einzige, was ich aus dieser Zeit noch mit vollster Überzeugung in mein Leben integriere, sind die Gerichte, Düfte und Orte, die mir damals Wärme und Freude bescherten. Oft waren wir finanziell am Limit, und Haferflocken waren häufig auf dem Speiseplan. Selbst heute sind Haferflocken ein Teil meines kleinen Glücks aus der Kindheit.

Fazit: In deiner Kindheit gab es Zeiten der Unbeschwertheit und des Glücks (hoffe ich von Herzen). Indem du dir hin und wieder einen besonderen Moment aus der Kindheit ins Hier und Jetzt holst, erinnert sich dein limbisches System an diese Phase und verknüpft damit positive Gefühle. Mehr zum limbischen System, insbesondere zum Thema Düfte, findest du unter folgendem Link: https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/der-geruchssinn-und-die-erinnerungen-das-passiert-in-unserem-kopf/ . Diese wohltuenden Routinen aus der Kindheit können auch in weniger harten Zeiten hilfreich sein. Sie schaffen eine innere Haltung, die auf Glück ausgerichtet ist. Wenn schwierige Zeiten kommen, musst du nicht explizit nach Glück suchen – die kleinen Helfer sind bereits zur Stelle und bieten dir einen sicheren Platz zum Anlehnen.

Hast du noch weitere Ideen, oder Anregungen? Schreibe sie gerne in die Kommentare, oder schick mir eine E-Mail.

Ich hoffe, meine persönliche Glücksroutine inspiriert dich, selbst Quellen für leichtere Momente zu entdecken. Weitere „Glücksbringer“ für mich sind:

Ätherische Öle, Symbolische Gegenstände, Meditationskarten, Warmes Bad, Kinderlachen, Farben, Bewegung/Tanz, Umarmungen von Lieblingsmenschen.

Ich wünsche dir, ob die Zeiten hart oder leicht sind, Momente des Glücks!

Deine Coralie Melissa

Ein Me-Time Samstag

Heute hatte ich seit langem mal wieder einen Tag für mich allein. Die Kinder waren bei ihrem Vater. Nachdem die Stille in meine Wohnung eingekehrt war, saß ich für einen Moment regungslos auf dem Sofa und starrte an die Decke mit dem Wandteppich. In meinen Gedanken zeichnete ich das abgebildete Muster nach, während im Hintergrund das Ticken der Uhr mich daran erinnerte, dass meine Zeit der “Selbstbestimmung” begrenzt war. Ich hatte mir einiges vorgenommen und träumte schon seit Tagen davon, mich auf der Couch auszubreiten, die Füße hochzulegen und mich einem Netflix-Marathon hinzugeben. Ich freute mich auf Spa-Momente in den eigenen vier Wänden und das Eintauchen in Bücher. Aber für einen Moment blieb ich in einer Starre, hin- und hergerissen, womit ich anfangen sollte.

Plötzlich war es 11 Uhr, und ich trug immer noch die Seidenkappe auf meinem Kopf, die meine Haare nachts schützt. Meine Schlafhose hatte ein paar Flecken vom schnellen Kaffee bekommen, den ich mir ein paar Minuten zuvor gegönnt hatte. Mein Blick wanderte zum Wäscheberg im Badezimmer. Dann dachte ich, dass ich das auch erledigen könnte, wenn ich schnell eine Maschine laufen ließe. Im Schmuddel-Look schlich ich mich in die Waschküche, hoffend, dass ich nicht entdeckt würde. Es war fast Mittag, und ich war immer noch nicht angezogen! Irgendwie schämte ich mich dafür. Ich hatte noch nicht gegessen, und die Lust zum Kochen fehlte. Ich schob mir ein Brot zwischen die Zähne.

Doch ich schaffte es nicht bis zur Couch. Überall lagen Krümel herum, auf dem Tisch lag eine Barbie, das Bett war noch nicht gemacht. Ich räumte auf. Es war schon halb eins. Am liebsten hätte ich die Zeit angehalten. Während des Aufräumens wurde Staub auf den Möbeln sichtbar. Fussel und Haare erschienen im Licht der Sonnenstrahlen, die wie Scheinwerfer auf sie herabschienen. Ich holte Waschlappen und Putzmittel, um der Staubschicht den Kampf anzusagen. Es wurde drei Uhr, als ich fertig wurde. Plötzlich fiel mir ein, dass der Kühlschrank leer war. Die Geschäfte würden in zwei Stunden schließen. Ich hüpfte unter die Dusche und zog los in die Stadt.

Ganz stolz spazierte ich in meinen neuen Schuhen durch die Straßen. Das sollen ab jetzt meine Me-Time-Schuhe sein. Ein bisschen mit Absatz und schick, schließlich war ich weder auf dem Weg zu einem Termin noch zum Spielplatz, zum Lernen und Arbeiten, zum Arzt oder in den Spielwarenladen oder sonst wohin. Nur zum Einkaufen an meinem Me-Tag. Deshalb hatten die Turnschuhe Urlaub. Nach ein paar Metern schmerzten meine Füße. Eine blutende Wunde hatte sich an den Fersen gebildet. Ich versuchte, den Schmerz runterzuschlucken, und steuerte in die nächste Apotheke. Die Apothekerin verarztete mich und schenkte mir dabei ein mitleidiges Lächeln. „Aber schön sind sie, die Schuhe!“, sagte sie.

Auf dem Heimweg versagte mein Trolley. Er fiel auseinander – ich hatte wohl zu viel hineingepackt. Ich improvisierte und schaffte es nur knapp nach Hause mit ihm. Dann versuchte ich, ihn mit Klebeband zu flicken. Es wurde fünf Uhr. Mir fiel ein, dass die Wäsche in der Maschine noch aufgehängt werden musste. Es wurde sechs Uhr. Mir blieb noch eine Stunde, bis die Kinder wieder zurückkamen. Wehmütig schaute ich rüber zum Fernseher und nickte ihm schweigend zu, wie einem alten Freund, den man nicht vergessen hat, aber für ein gemeinsames Treffen war die Zeit noch nicht reif. Langsam musste ich mit dem Kochen beginnen, wenn ich rechtzeitig fertig werden wollte, dachte ich. Und während ich Kartoffeln, Karotten und Lauch unter Messerschärfe halbierte, fiel mein Blick auf den Flyer für die Anmeldung der Ferienbetreuung. Es wurde halb sieben. Das Essen kochte, und ich erledigte in der Zwischenzeit die Anmeldung. Ich spürte die Nervosität in mir. Der Me-Time-Tag würde bald zu Ende sein – ich hatte noch nicht gefaulenzt. Das Essen war fertig gekocht, es war fünf vor sieben. Der Vater der Kinder rief an. “Wir sind gleich da”, sagte er. “Ich muss noch schnell etwas erledigen”, antwortete ich. Gib mir noch 10 Minuten!

Ich schnappte mir mein Handy und spielte mein Lieblingslied ab, das schon seit Monaten dasselbe war. In voller Lautstärke sang ich zum Lied aus der Wonderboom mit und beantwortete währenddessen noch zwei Nachrichten auf dem Handy. Das Lied endete, aber die Kinder waren noch nicht da. Im Schlafzimmer lag mein angefangenes Buch. Schnell sog ich alle Wörter auf, die ich einfangen konnte, bis es an der Tür klingelte. Doch bevor ich öffnete, klatschte ich mir eine Tuchmaske ins Gesicht. Im Treppenhaus machte ich zehn Sit-ups, denn schließlich hatte ich mir an meinem Me-Time-Tag auch noch Sport vorgenommen.

“Hi Mama!” Die Kinder stürmten an mir vorbei. “Du siehst komisch aus mit der Maske im Gesicht”, sagten sie. Sie hatten Erde an den Schuhen und schleppten sie in die frisch geputzte Wohnung. Eine Stunde später lagen Barbie, Krümel und Staub wieder an ihrem gewohnten Platz.

Diese Me-Time-Tage sind ein echter Luxus. Im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt, bin ich privilegiert, kann ich dieses Wort „Me-Time“ überhaupt in den Mund nehmen. Manchmal, da möchte ich meinen Kopf ausschalten, nichts denken nur jede Zelle meines Körpers entspannen. Aber am Schluss steht dann meistens doch alles andere an, als zu Faulenzen. Kennst du diese Tage auch? Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen und Tipps in die Kommentare schreibst.

Deine Coralie Melissa

Bye bye 2023

Es ist ein grauer, nebliger Tag. Und irgendwie scheint mir, dass alle ausgeflogen sind. Die Strassen sind leer, die Stimmen der Nachbarswohnungen verstummt. Als würden alle noch versuchen, das Beste aus den letzten Stunden des Jahres herauszuholen. So sind sie alle in die Berge gefahren, oder sonst an einen Ort, an dem das alte Jahr gebührend verabschiedet werden kann. Nur wir nicht. Wir sind da und sitzen im Nebel. Und ich fühl mich wohl dabei. Denn Nebel passt irgendwie gerade. Ab morgen beginnt ein neues Kapitel. Das Blatt wendet sich. Oder nicht?

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, empfinde ich einen Cocktail an Gefühlen. Es gab einige erste Male in meinem persönlichen 2023. Das erste Mal habe ich Bücher veröffentlicht. Besonders, als ich mich mit dem Buch „Die Mamalution“ einem wichtigen Thema angenähert habe, war dies mein persönliches Highlight! Zum ersten Mal habe ich mich ausserdem einem familiären Thema gewidmet, welchem ich bisher aus dem Weg gegangen bin, weil aufwühlend und so. Aber es war befreiend. Ich kann nur empfehlen, sich ab und an unangenehmen Themen zu widmen.

Ich durfte dieses Jahr auch viel Liebe erfahren, und innerer Schönheit von Menschen begegnen. Ich lernte Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann und Dinge zu verändern, die ich nicht akzeptieren will.

Und dann lernte ich mich zu fürchten. Davor, dass die Welt eben nicht jedes Jahr neu beginnt, sondern alte Themen in jedes neue Jahr weitergetragen werden. Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass Nächstenliebe und Solidarität mit einem Schlag verpuffen können und am Ende jeder seinen eigenen Interessen nachgeht. Komme was wolle. By the way, fürchten ist ok.

Dann lernte ich aber auch zu vertrauen. Darauf, dass in den grausamsten Ereignissen, immer eine Blume wächst. Sei es nur ein tiefes Mitgefühl für jemanden, oder die Hoffnung auf ungeahnte Möglichkeiten, die jede Situation bieten kann.

Stärke, Mut, Wachstum und alles was uns Menschen weiterbringt, entstehen aus den schwierigen Momenten im Leben. Wie Muskeln, die nur wachsen, wenn sie zuerst schmerzen. So habe ich einige schwierige Momente erlebt, aber ich bin durch sie gewachsen und ich habe mich verändert.

Das Einzige, was sicher ist im Leben, ist die Veränderung. Wir sollten ihr mit offenen Armen begegnen, denn sie wird so oder so eintreten. Ob wir wollen oder nicht.

So wird auch das neue Jahr alte Themen mit sich bringen, die verändert werden wollen.

Ich wünsche dir, dass du im neuen Jahr mutig bist dich deinen Lebensthemen zu widmen, und dass du deinen persönlichen Träumen einen Schritt näher kommen wirst. Du sollst aber auch liebevoll zu dir sein, denn du bist unglaublich wichtig für diese Welt.

Die Welt mag beängstigend sein mit den Kriegen, mit den steigenden Lebenskosten, mit den immer grösseren Erwartungen an die Gesellschaft. Mich persönlich macht sie momentan traurig und etwas hoffnungslos. Auch das ist ok. Manchmal braucht es die Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit um sich wieder neu zu finden. Manchmal muss man diese Gefühle auch einfach aushalten können, denn nichts bleibt immer so, wie es ist.

Alles was geschieht kann auch eine Chance sein. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern. So möchte ich mich mit diesen letzten Worten in diesem Jahr bei allen bedanken die mich begleitet haben, und freue mich auf die Zeit, die mit ihren Höhen und Tiefen auf uns alle zukommt. Lasst uns zusammen ein neues Kapitel beginnen! Und wer weiss, vielleicht gibts ja zur Abwechslung mal ein weltliches Happy End!

Eure Coralie